Die historischen Giebel zieren die Altstadt von Stade. iStock / FooTToo

Schöne Fachwerkstädte

Kombination aus Entspannung und Geschichte

Ob die backsteinernen Staffelgiebel der Hanse, die Stuckfassaden der Jugendstilvillen oder die modernen Glas-Stahl-Konstruktionen der Metropolen – Deutschlands Städte sind geprägt von charakteristischen Bauformen. Doch wohl keine andere ist so eng mit dem stereotypen Bild Deutschlands verknüpft wie das Fachwerk. Auf der Suche nach der inspirierenden Fachwerkstadt man muss meist gar nicht weit fahren. 

Anders als vielfach gedacht, ziehen sich Fachwerkstädte von Elbe und Lüneburger Heide über die Oberlausitz bis zum Bodensee entlang der Deutschen Fachwerkstraße durch Deutschland. Sie stehen für das kulturelle Erbe des Mittelalters, als das Fachwerk die typische Bauweise für Häuser und Gebäude – nicht aber für Kirchen und Schlösser – darstellte. Für Besucher halten die mittelalterlichen Stadtkerne dabei einiges bereit: Sie wirken gemütlich, strahlen Ruhe und Beschaulichkeit aus und laden zum Bummeln und Erkunden ein. Sei es individuell oder mittels einer der vielen Erlebnisführungen, die in den Städten angeboten werden. Oft wird dann das mittelalterliche Leben mit seinem Handwerk überdacht und geschichtliches Interesse geweckt. Manch einer kann seine vorhandenen Geschichtskenntnisse ergänzen. In den Städten mangelt es nicht an regionalen Speisen und Getränken zum Kennenlernen und Nachkochen, an Kunsthandwerk sowie an Übernachtungsmöglichkeiten.

Erschienen in

Fernweh / Deutschland, was bist du schön

am 6. Mai 2025 in „Die Welt“
Bald stehen sie an – die schönsten Wochen des Jahres, in denen es warm und sonnig in Deutschland ist und für die viele Deutsche ihre Koffer packen, um andere Regionen und Länder zu erkunden. Knapp über 60 Prozent der Deutschen wollen in dieser Zeit zumindest einmal mehr als fünf...

Schöne Fachwerkstädte: Unterschiede je nach Landstrich

Rund 2,5 Millionen Fachwerkgebäude soll es in Deutschland geben.1 Das Besondere dabei ist, dass kein Fachwerkhaus dem anderen, mithin keine Fachwerkstadt der anderen gleicht. Es gibt nicht nur eine Vielzahl regional unterschiedlicher Konstruktionsdetails sowie Schmuck- und Symbolik-Elemente, sondern vermutlich seit dem 16. Jahrhundert wurde das Fachwerk mit unterschiedlichen Farben gestrichen. Drei charakteristische Fachwerktypen regen denn auch zum weiteren Bereisen unterschiedlicher Fachwerkstädte an. Der niedersächsische Fachwerkbau begeistert durch seine reichen, geschnitzten Schmuckformen. In der westfälischniedersächsischen und auch thüringischen Gegend sind neben schwarzen besonders braune, grüne und graue Farbtöne anzutreffen. Der fränkische Stil wird von Ornamenten wie stilisierten Andreaskreuzen und Feuerböcken, Rosetten, Rauten, Schnitzwerk an Pfosten und Ständern sowie Putzintarsien geprägt, während sich das alemannische oder oberdeutsche Fachwerk durch klare Konstruktionslinien und den weiten Abstand der tragenden Ständer auszeichnet. Sowohl in der fränkischen als auch alemannischen Region überwiegen dabei stark gesättigte rote und braune Farbnuancen.

Ökologisches Vorbild

Nicht zuletzt stehen Fachwerkhäuser mit den typischen Baustoffen Holz und Lehm und den Holzgeflechten in den Zwischenräumen (Gefachen) für eine ökologische Bauweise und können heute in moderner Bauart inklusive aktueller Energiestandards errichtet werden. Auch das ist ein lohnender Grund, der nächsten Fachwerkstadt einen Besuch abzustatten.

 

Für Besucher halten die mittelalterlichen Stadtkerne einiges bereit.

SCHON GEWUSST?

Fachwerk begeistert – manch einen Europabesucher sogar so sehr, dass er es am liebsten mitnehmen möchte. So ging es auch Malaysias Ex-Regierungschef Mahathir Mohamad. Der hatte sich so sehr in das beschauliche Colmar im Elsass verliebt, dass er das Welterbe-Städtchen kurzerhand durch den befreundeten Milliardär und Baulöwen Vincent Tan nachbauen ließ. So entstand Colmar Tropicale – ein Fachwerkidyll inmitten des Dschungels der Berjaya Hills mit gemusterten Satteldächern, hölzernen Balkonen, bunt-pastelligen Fassaden und dekorativen Fensterläden.2 Ein Besuch in diesem besonderen Ferienpark lohnt auf jeden Fall.

Fachwerk im Trend

Laut einer Untersuchung des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg nimmt das Interesse an Fachwerkstädten kontinuierlich zu.3 Auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung betont in einer aktuellen Publikation die Relevanz historischer Stadtkerne für regionalen Tourismus und nachhaltige Stadtentwicklung.

Ein lesenswerter Überblick über besonders sehenswerte Orte entlang der Route findet sich im Beitrag „Die schönsten Orte an der Deutschen FachwerkstraßeSolvejg Hoffmann stellt zehn Fachwerkstädte zwischen Elbe und Bodensee vor und betont ihre kulturelle Bedeutung ebenso wie ihren touristischen Charme.4

Kurz erklärt

Fachwerk-Wissen

  • Gefach: Mit Lehm oder Ziegel ausgefüllter Zwischenraum zwischen den Holzbalken.
  • Andreaskreuz: Dekoratives X-förmiges Element, typisch für fränkisches Fachwerk.
  • Deutsche Fachwerkstraße: Rund 100 Fachwerkstädte in 7 Regionalstrecken von der Elbe bis zum Bodensee.
  • Nachhaltig reisen: Viele Fachwerkstädte sind gut per Bahn erreichbar und bieten Radverleihsysteme.

Fazit: Fachwerk als Brücke zwischen Gestern und Morgen

Ob als Reiseziel, architektonisches Kleinod oder Inspiration für modernes Bauen: Deutschlands Fachwerkstädte bieten ein einzigartiges Gesamtpaket aus Geschichte, Regionalität und Nachhaltigkeit. Wer bewusst reist, findet hier nicht nur schöne Kulissen, sondern auch authentische Einblicke in das kulturelle Erbe des Landes.